"Künftiger europäischer Energiemix braucht Zusammenarbeit"

Gespräch mit GCA Geschäftsführer Harald Stindl

 

Sowohl national als auch auf EU-Ebene arbeitet man derzeit mit Hochdruck an der Energiestrategie bis 2030, um die Dekarbonisierungsziele zu erreichen. Welche Rolle spielt Gas und seine Infrastruktur dabei?
Die Tendenzen, die wir derzeit beobachten, sind regional sehr unterschiedlich: während die österreichische Regierung sich offenbar mit heimisch erzeugtem Biogas und grünem Wasserstoff nach innen orientiert – eine Politik die übrigens für ein kleines auf die wirtschaftliche Integration angewiesenes Land nicht erfolgversprechend scheint – streben andere Staaten etwa ein regional übergreifendes Wasserstoffleitungsnetz (einen sgn. „Backbone“) oder die Erzeugung von Wasserstoff mit gleichzeitiger Kohlenstoffabsonderung (sgn. CCS) an. In Staaten wo die Kohle noch verwendet wird, zur Strom- und Wärmeerzeugung, trägt der Ersatz von Kohle durch Erdgas massiv zur CO2-Reduktion bei. In Zeiten der „Dunkelflaute“ gleichen Gaskraftwerke den fehlenden Einsatz von Wind und Solar aus und ermöglichen damit erst den Erneuerbarenausbau. 

Was können Fernleitungsnetzbetreiber wie Gas Connect Austria konkret zur Dekarbonisierung beitragen und welche Rahmenbedingungen sind dafür notwendig?
Viele Rollen sind vorstellbar, zunächst die traditionelle. Wir transportieren sehr viel Erdgas nach Südosteuropa und unsere Tochterfirma TAG GmbH nach Italien. Wenn damit Kohle ersetzt wird, so ist schon sehr viel CO2 eingespart. In der Zukunft werden die existierenden Leitungen teilweise andere Energieträger wie Wasserstoff befördern und entsprechend umgewidmet werden, was entsprechend billiger ist als ein neues, dediziertes Netz zu bauen. Vorstellbar ist auch, dass die Netzbetreiber bestehende Wasserstoffcluster verbinden und damit allmählich einen europäischen Backbone schaffen, auf dem Erneuerbares Gas von Skandinavien bis nach Süditalien fließen kann. In Ländern mit hohem Photovoltaikpotenzial z.B. ist angedacht, den daraus erzeugten grünen Wasserstoff dem Erdgas in existierenden Leitungen beizumischen. Ein weiteres Thema ist das Betreiben sgn. Power-to-Gas-Anlagen, die aus Strom Wasserstoff erzeugen. Allgemein rufe ich in Erinnerung, dass die europäischen Erdgasnetzbetreiber einen zusammenhängenden europäischen Markt im Laufe der letzten zehn Jahre geschaffen haben, wie er noch vor 20 Jahren undenkbar gewesen wäre – mit vielen daraus resultierenden positiven Konsequenzen. Das bedeutet, wir verfügen über entsprechendes Know-how, das wir auch beim Schaffen neuer Märkte einsetzen können. Erforderlich ist dafür, dass man uns lässt, z. B. indem man die derzeit geltenden Unbundlingbestimmungen adaptiert bzw. in diesem Sinne klarstellt.
Selbstverständlich sind wir auch bestrebt unseren operativen Betrieb möglichst CO2-arm zu gestalten, etwa durch den Einsatz von Strom- statt Gasverdichtern.

In Zukunft sollen mehr erneuerbare Gase in den Gasleitungen transportiert werden. Welche Herausforderungen kommen dabei auf Gas Connect Austria in den nächsten Jahren zu?
Eine Adaptierung z. B. von Messeinrichtungen, eine Abstimmung mit den angrenzenden Netzbetreibern in Bezug auf die zukünftige Gasqualität die in deren Ländern zulässig ist. Weiters die Steuerung der Ströme, so, dass eine gleichmäßige Qualität gegeben ist, wie es eben manche industrielle Fertigungen und die Gasboiler erfordern. Die Netzstruktur zu adaptieren, in dem Ausmaß wie sich Wasserstoff- und Erdgasnachfrage in den nächsten Jahrzehnten entwickeln.

Der Energieträger Gas gilt als einer der kostengünstigsten. Wie sehen Sie die Entwicklung der Gaspreise in den kommenden Jahren?
Ich fürchte, die von der Bundesregierung derzeit vorgesehene Zwangsquote Erneuerbarer Gase im Gesamtgasmix ohne gleichzeitige Förderung – wie sie für Erneuerbaren Strom seit Jahrzehnten Praxis ist – wird zu einer Verteuerung von Erdgas führen. Gleichzeitig ist der Erdgaspreis, wie die Energiepreise allgemein, durch die Corona-Rezession und das „Hamstern“ zum Jahresende 2019 in Befürchtung eines Transitstopps durch die Ukraine auf sehr niedrigem Niveau. Das heißt er sollte konkurrenzfähig bleiben und für die österreichische Industrie kein übermäßiges Wettbewerbshindernis darstellen. Gleichzeitig hängt die Preisentwicklung von dem zukünftigen CO2-Preis ab und allgemein von der zukünftigen Energiebesteuerung.

Wie bewerten Sie die Lage der EU-Mitgliedsstaaten auf ihrem Weg zur CO2-Neutralität und wie könnte die europäische Zusammenarbeit gefördert werden? 
Die EU hat ehrgeizige Zielsetzungen, vergisst aber oft den internationalen Kontext. Was nützt es, Elektroautos zu fördern, wenn die enthaltenen Batterien mit Kohlestrom in China gefertigt wurden? Derzeit importiert die EU CO2 in importierten Produkten, nachdem wir Fertigungen massiv außerhalb der EU verlagert haben und schmeichelt damit ihrer CO2-Bilanz. Eine unilaterale CO2-Import-Steuer, die dagegen helfen soll, wird unseren EU-Exporteuren große Schwierigkeiten bereiten und wird wohl ein Jahrzehnt lang international ausgehandelt werden müssen. Ein anderes Beispiel: Die EU will autonom in der Energiebereitstellung werden und damit jenen rohstoffreichen Ländern Exporterlöse schmälern, die gleichzeitig EU-Warenexporte damit kaufen. Es wäre vernünftig – und es geschieht teilweise auch bereits – grüne Energieimporte zu vereinbaren, um dieses seit Jahrzehnten bestehende Gleichgewicht nicht irreparabel zu beschädigen. Das sind „Elefanten im Raum“, die nicht gerne erwähnt werden, sich aber früher oder später unvermutet zeigen werden.
Auch innerhalb der EU ist die Meinung z.B. bzgl. fossilem Gas, also Erdgas, nicht einheitlich. Acht vorwiegend osteuropäische Staaten haben eine Deklaration unterschrieben, in der sie die Rolle des Erdgases für die Energietransition unterstützen, v.a. in Hinblick auf den raschen Ersatz von Kohle. Die Länder im Mittelmeerraum wollen nicht auf die Nutzung der dortigen Gasreserven verzichten. Kroatien und Polen errichten LNG-Terminals, Polen errichtet die Baltic Pipeline und durch die Ostsee nach Deutschland befindet sich Nord Stream 2 in der Endphase. Es wird wohl immer regional unterschiedliche Ansätze geben – man denke nur an Deutschland mit einem hohem Anteil an Erneuerbaren, aber einem geplanten Kohleeinsatz bis Mitte/ Ende der 2030er-Jahre. Die Lösung der EU in Form des Just Transition Funds zwecks Erleichterung des Übergangs wird hier bestimmt helfen, geht aber zu Lasten der Nettozahler wie Österreich.
Trotz aller dieser Gegensätze ist die EU auf dem richtigen Weg, wenn sie versucht, heute schon die Grundlagen für eine zukünftige Wasserstoffwirtschaft und eine integrierte Energienetzplanung zu schaffen. Wichtig ist, den integrierten europäischen Energiebinnenmarkt aufrecht zu erhalten und den Wert existierender Infrastruktur wie der Erdgasnetze zu erhalten, um die Energietransition möglichst effizient durchzuführen.

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